Dirk Kirchberg Hannover Autor Konzepter Fotograf Journalist Online Redakteur Parajournalist Videojournalist Multimediajournalist
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Dirk Kirchberg
Von Vororten, Aufklebern und polnischem Sauerkraut
Der Staat New Jersey ist ein Vorort. So zumindest steht es in einem Reiseführer: „Die meisten Amerikaner betrachten Nord Jersey als Vorort von New York und Süd Jersey als Vorort von Philadelphia.“ Die einzige Sehenswürdigkeit, die in New Jersey zumindest einen kurzen Abstecher wert zu sein scheint, ist die Zockerstadt Atlantic City. Wer dennoch nach New Jersey, aber nicht nach Atlantic City will, sollte sich auf fragende Blicke des Zöllners einstellen, wenn er wahrheitsgemäß antwortet. Oder er lügt, was die Einreise einfacher gestaltet.
„Was wollen Sie in den USA?“, fragt der Zöllner. Er hat überhaupt noch nicht aufgesehen. Nicht, als ich ihm meinen Pass samt Visum gebe, nicht, als ich erst den linken, dann den rechten Zeigefinger auf den Abdruckscanner lege, nicht, als ich für ein Foto in die kleine Digitalkamera über dem Schalter schaue. „Ich will nach New Jersey.“ Jetzt sieht er mich das erste Mal an. „Was wollen Sie denn in New Jersey?“
Ich will nicht nach Atlantic City. Ich will nach North Hanover. Wohl wissend, dass diese Antwort aber nur noch mehr Verwirrung und weitere Fragen nach sich ziehen würde, verkneife ich mir die Wahrheit – und lüge: „Ich will mir Atlantic City ansehen und dann in New York Freunde besuchen.“ Das scheint ihn zu beruhigen. Er drückt den Stempel in den Pass und entlässt mich mit einer flüchtigen Handbewegung in die USA.
Rund 130 Kilometer südlich von New York und 50 Kilometer östlich von Philadelphia liegt North Hanover. In der 45 Quadratkilometer großen Township leben knapp 7400 Menschen. Mittelpunkt ist Jacobstown, wobei Jacobstown nicht als town, also Stadt bezeichnet werden kann. Denn einen Ortskern mit Geschäften oder gar einer Kneipe gibt es nicht. Jacobstown besteht aus einer Hauptstraße, an der sich Wohnhäuser wie Perlen an einer Kette aufreihen und aus mehreren Seitenstraßen. Dort befinden sich die örtliche Schule, zwei Kirchen, zwei Friedhöfe, das Township-Verwaltungsgebäude und die Polizeiwache.
Doch diese ist geschlossen. Auf einem Schild an der Tür wird der Hilfesuchende aufgefordert, am Wochenende doch bitte die Staatspolizei anzurufen. Die Wache sei nur von Montag bis Freitag besetzt. Und heute ist Samstag. Soviel zum Thema Kriminalität in North Hanover.
Die weißgestrichene Kirche an der Hauptstraße macht neugierig. In dem ebenfalls weißgestrichenen Flachbau neben der Kirche brennt Licht. Als ich vorsichtig klopfe, öffnet eine in einen Schutzanzug gehüllte Gestalt und bittet mich herein.
Die Frau in dem Schutzanzug erklärt, daß sie und ihr Mann gerade dabei seien, die Decke des Hauses zu isolieren. Sonst wäre es unerträglich kalt im Winter. Und dass das Gebäude während des amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 bis 1865 ein Krankenhaus war. Auf dem Friedhof hinter der Kirche fänden sich zahlreiche Grabsteine aus dieser Zeit. Bob Russell, Pastor der Gemeinde Rose of Sharon, lädt mich umgehend zum morgigen Gottesdienst ein.
Am nächsten Morgen proben die Chormitglieder neue Lieder. Ob ich denn Lutheraner sei. Nein, Katholik. Aha, das mache aber nichts, ich sei trotzdem herzlich willkommen. Die Frage nach der Glaubenszugehörigkeit wird noch des öfteren gestellt. In der Bibelklasse für Kinder und Jugendliche dreht sich an diesem Sonntagmorgen alles um Sünden. Wieviele Sünden man pro Woche beginge, lautet eine der Fragen. Schnell landen die jungen Mädchen jenseits der 60.000, natürlich nur geschätzt.
Hier erlebe ich das Amerika, das von Europäern zwar als freundlich, aber auch als oberflächlich beschrieben wird. Doch diese amerikanische Art der Oberflächlichkeit scheint heute auch ein Schutzschild zu sein, denn viele haben das Gefühl, für ihre Offenheit gegenüber fremden Kulturen am 11. September 2001 bestraft worden zu sein. Jetzt müsse man sehr vorsichtig sein. Einen Personalausweis wollen die Amerikaner dennoch nicht. Sie wollen nicht katalogisiert werden. Touristen sollen dagegen ruhig in Datenbanken erfasst werden, schließlich würde das auch ihrer Sicherheit dienen.
Sympathiebekundungen für die US-Truppen sind ein Muss. Die Truppen kämpften immerhin für Freiheit und Demokratie in der Welt, so hört man vielerorts. Amerikaner scheinen immer kämpfen zu müssen: fürs Seelenheil, für den American way of life, gegen den internationalen Terror. An einem Geländewagen prangt neben der schon fast obligatorischen Support Our Troops-Schleife ein Aufkleber, der diese typisch amerikanische Geisteshaltung schnörkellos auf den Punkt bringt: „Home of the Free… because of the Brave“.
North Hanover wird von fünf großen Straßen durchzogen. Sie tragen meist nur die Namen der beiden Orte, die sie verbinden wie etwa Jacobstown – New Egypt Road oder Chesterfield – Arneytown Road. Entlang dieser Straßen, die sich durch die leicht hügelige und moorige Landschaft winden, vorbei an Farmen und Feldern, leben die Menschen in North Hanover. Da es in der Township nicht einmal ein Einkaufszentrum gibt, kommen sie nicht oft an einem Ort zusammen.
Eine Ausnahme bildet die Schule in der Schoolhouse Road. Hier treffen sich die Eltern und nehmen an Veranstaltungen ihrer Kinder teil. Doch als ich der Direktorin erklärt habe, was ich hier wolle und dass ich gern in der Schule verschiedene Aktivitäten fotografieren würde, folgt eine knappe Absage. Das ginge nicht. Später erklärt mir Robert Vosseller, Lokalredakteur der wöchentlich erscheinenden New Egypt Press, dass selbst die Mitarbeiter der Zeitung oft Schwierigkeiten in der Schule hatten: „Das muss man sich mal vorstellen. Wir berichten fast jede Woche über Aktionen in der Schule, werden auch dazu eingeladen, sollen dann aber keine Fotos machen?“ Seit dem Anschlag auf die Schule im russischen Beslan sei man auch hier sehr vorsichtig, fast schon wahnhaft geworden.
Im Süden grenzen der Militärstützpunkt Fort Dix und die McGuire-Luftwaffenbasis an die Township. Der Bürgermeister von North Hanover, Mike Moscatiello, zerstreut sofort jede Hoffnung, in Fort Dix fotografieren zu dürfen. Seit 9/11 habe sich alles verändert. Die meisten Zufahrten zum Stützpunkt wurden mit großen Betonbarrikaden gesichert. Die wenigen offenen Zufahrten werden von Soldaten in schusssicheren Westen und M16-Sturmgewehren vor der Brust bewacht.
Vor September 2001 konnte man problemlos auf der Texas Avenue durch den Stützpunkt fahren. Doch sofort nach den Anschlägen haben die Militärs die Straße gesperrt und das gesamte Gelände abgeriegelt. Wer täglich hindurchfuhr, weil er auf der einen Seite arbeitete und auf der anderen wohnte, der muss nun rund 50 Kilometer weit das Areal umfahren.
In North Hanovers ältestem Farmhaus an der Harrison Road lebt Robert Gancarz mit seiner Frau Catherine, seinen Kindern Annaliese und Robert sowie den beiden Hunden Dolly und Gretchen. Als Robert und sein Freund Bob Massabrook gerade alte Dielen in dem 1693 erbauten Haus ausbessern, schwärmen sie plötzlich von Sauerkraut. „Ich meine nicht dieses Zeug, das sie hier in Amerika herstellen. Das ist doch kein Sauerkraut“, klagt Bob, dessen Vorfahren wie die von Robert aus Polen in die USA kamen, „das ist bloß Weißkohl, auf den sie jede Menge Essig kippen!“ Aber seit kurzem gebe es einen polnischen Händler in der Nachbartownship, der kleine Fässer mit echtem polnischem Sauerkraut anbiete.
Viele Menschen leben in New Jersey und arbeiten in den Großstädten Philadelphia und New York City. Ein wenig stimmt es also schon, dass New Jersey ein Vorort ist. Aber es gibt auch Menschen, die das Leben in der Großstadt nicht vermissen. Bob Massabrook und Robert Gancarz können an einer Hand abzählen, wie oft sie in der Stadt waren. „Immer, wenn ich in New York ankam, konnte ich es kaum erwarten, es wieder zu verlassen“, erzählt Bob. Und auch Pastor Russell bleibt lieber auf dem Land: „In den letzten zwanzig Jahren war ich vielleicht sechsmal in Philadelphia.“ Und wie oft in New York? „Einmal“, sagt er mit einem Lächeln, und ich erahne, wie er das meint. Dieses eine Mal reicht auch noch für die nächsten zwanzig Jahre.