Dirk Kirchberg Hannover Autor Konzepter Fotograf Journalist Online Redakteur Parajournalist Videojournalist Multimediajournalist
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Dirk Kirchberg
wir.zusammen
Romuald Polczynski
„Wir haben gefühlt, was wir machen sollten“, sagt Romuald Polczynski, ehemaliger Lokal- und erster demokratisch gewählter Chefredakteur Posens, bedacht. Und damit meint er Posener und Hannoveraner. Die letzten 25 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Allerdings nicht in seinem Gesicht, denn sieht man in seine stets von einem Lächeln umspielten Züge, erblickt man keine Falten. Schon gar keine Sorgenfalten. Aber man merkt, daß er weiß, was Sorgen sind. „Manchmal wussten wir nicht, ob wir überhaupt Papier zum Drucken bekommen. Denn Essensmarken wurden auch auf Zeitungspapier gedruckt. Und wenn es schon keine Essensmarken mehr gibt, wer denkt dann noch an eine Zeitung?“
Rund 30 Jahre waren die Themen in und um Posen sein Geschäft. Romuald Polczynski begriff Lokaljournalismus immer als die schwierigste Form der Berichterstattung, aber auch als Handwerk. Das, was ihm im Journalismus half, war auch für die Städtepartnerschaft gut: „Die persönlichen Kontakte!“ Ohne die ging und geht auch heute nichts.
Bereits Ende der siebziger Jahre war er das erste Mal in Hannover, mit der Posener Philharmonie. Es wurde Verdis Requiem gegeben. Allerdings handelte es sich bei diesem Konzert nicht um einen Abgesang, sondern um den Beginn einer besonderen Zusammenarbeit. Bei dieser Gelegenheit lernte er seinen mittlerweile engen Freund Harald Böhlmann kennen und schätzen. Sie organisierten die ersten kulturellen Austausche, besuchten sich gegenseitig, sprachen über Kultur, aber auch über Politik.
Heute hat Romuald Polczynski mehr als nur ein enges Verhältnis zu Deutschland. Es ist seine zweite Heimat geworden. Seine Tochter lehrt an der Universität Kiel. Und zusammen mit seiner Frau ist er oft in Deutschland, auch in Hannover und besucht Freunde. Heute ist er Vorstandssekretär der Wieniawski-Gesellschaft und steht des öfteren wie schon als Redakteur vor manchem Problem, das gelöst werden will. Zu leicht mag es der 70-Jährige nicht. Er braucht die Herausforderung. Bei der Suche nach der passenden Lösung setzt er auf Teamarbeit. Schließlich sei so auch die Städtepartnerschaft entstanden, man arbeitete Hand in Hand: „Wir, zusammen.“
Zbigniew Kaleta
„Langsam“ mag Zbigniew Kaleta nicht. Weder langsame Fahrstühle wie etwa den zum Büro seines ehemaligen Chefs noch langsame Autofahrer. „In Hannover haben sie mich immer Nicki Lauda genannt“, lacht er. Seitdem er 16 Jahre alt war, fährt er Auto. Sechs Jahre lang war er beim Centrum Sztuki Dziecka als Fahrer angestellt.
„Fahren liegt mir im Blut“, sagt heute der 69-Jährige. Mehr als zehnmal war er in Hannover. Obwohl er weder Englisch noch Deutsch spricht, klappte die Verständigung immer. Denn Zbigniew Kaleta spricht nicht nur mit seinen leuchtenden Augen, sondern auch mit Händen und Füßen. „Einen Polen versteht jeder und er versteht auch jeden“, führt er schmunzelnd aus.
Eine besondere Episode weiß Jerzy Moszkowicz, sein ehemaliger Chef, zu berichten: „Zbigniew sollte eine Gruppe afrikanischer Künstler aus Frankreich abholen. Er verstand kein Französisch, die Künstler kein Polnisch. Und doch konnten sie mir nach der langen Fahrt Zbigniews ganze Lebensgeschichte erzählen.“ Auch über die Fahrkünste ist Jerzy Moszkowicz voll des Lobes: „Er war der beste Fahrer, den ich je hatte.“
Was hat ihm besonders an der Städtepartnerschaft gefallen? „Die Menschen waren teambewußt.“ Und er habe immer viel Spaß gehabt. Nach einem Unterschied zwischen deutschen und polnischen Autofahrern gefragt, antwortet er schnell: „In Polen hupen alle. In Hannover tat das niemand.“ Insgesamt seien die Deutschen seiner Meinung nach viel vorsichtigere Autofahrer. Ob man weiß, wie man die Raser in Polen nennt? „Selbstmörder“, sagt Zbigniew Kaleta mit einem Zwinkern.
In seiner Freizeit greift der gebürtige Warschauer gern selbst zur Fotokamera. Allerdings waren es nicht die Fotomotive der Altstadt, die ihn nach Posen lockten: „Ich kam der Frauen wegen!“
Heute ist er zwar nicht mehr als Fahrer tätig, aber das Chauffieren blieb ein Teil von Zbigniew Kaleta. Neben seiner Tochter und seinem Sohn, beide längst selbst berufstätig, hat er jedes seiner sechs Enkelkinder in der Karre geschoben. In welche Richtung es ging, wußte er immer und kann es sogar auf deutsch sagen. Schließlich hat er es oft genug auf seinen Fahrten durch Hannover gehört: „Geradeaus!“
Seinen Beruf hat er 1998 gekündigt, weil ihm die Fahrweise seiner polnischen Landsleute zu unsicher war. Vielleicht waren sie ihm aber auch einfach nur zu langsam…
Jerzy Kur
„Ich bin doch aber kein Schauspieler!“, ruft Jerzy Kur, als ich ihn auf der Bühne des Teatr Nowy fotografieren möchte. Schließlich er steht doch nicht nur für sich, sondern stellvertretend für alle Mitwirkenden des Theaters. Jerzy Kur ist ein Macher, ein Organisator. Keiner, der im Rampenlicht steht, sondern der hinter dem Vorhang für Ordnung und einen reibungslosen Ablauf sorgt. Daher würde er auch am liebsten nicht in diesem riesigen roten gepolsterten Thron sitzen, sondern ihn tragen, ihn jemandem, einem Schauspieler hinstellen.
Wie kam er dazu, eine wichtige Rolle bei der Städtepartnerschaft zu spielen? „Was macht ein Pole in London?“, scherzt er, „er hilft drei polnischen Schauspielerinnen, die kein Wort Englisch sprechen, etwas in einer Apotheke zu kaufen.“ Bevor ihm seine Hilfsbereitschaft eine Einladung ans Theater einbrachte, weilte Jerzy Kur dank eines Stipendiums des British Council in Edinburgh.
1985 ging der gebürtige Breslauer dann nach Posen und organisierte zusammen mit Harald Böhlmann erste Theaterreisen. Jerzy Kur war verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit und die Finanzen. Er stellt nur sehr ungern seinen Anteil an diesem Erfolg in den Mittelpunkt: „Es ging und geht um die Menschen!“, Man spürt, daß er mit ganzem Herzen bei der Arbeit war – und ist. Wie gestalteten sich denn die ersten Kontakte? „Es war einzigartig. Und es waren die richtigen Personen zur richtigen Zeit, die die Partnerschaft in Schwung gebracht haben.“
Entscheidend waren die Kontakte und das Vertrauen zwischen den Menschen in den mittleren Ebenen. Hier wurde die Partnerschaft gelebt und organisiert. Trotz des Eisernen Vorhangs, der die beiden Länder trennte, schafften es die Schauspieler beider Seiten, diese scheinbar unüberwindbare Mauer zu durchschreiten: „Auch wenn das Improvisieren den deutschen Schauspielern schwerer fiel als uns, denn wir mussten immer improvisieren, wurden immer alle Probleme gelöst. Alle waren immer sehr offen und herzlich.“
Heute erscheint ihm die Städtepartnerschaft schwächer geworden, aber das kann sich auch wieder ändern. Schließlich wäre es alles eine Frage des persönlichen Engagements. „Ich habe aus der damaligen Zeit einige echte Freundschaften, die bis heute anhalten.“
Jacek Murkowski & Andrzej Wituski
Sieht man den Ex-Chefdolmetscher Jacek Murkowski und seinen Ex-Chef, den ehemaligen Stadtpräsidenten Andrzej Wituski, zusammen, merkt man schnell, dass die beiden über die Jahre Freunde geworden sind. Heute gehen sie beruflich getrennte Wege – Jacek Murkowski ist Chefdolmetscher eines Autoimporteurs, Andrzej Wituski Vorsitzender der Wieniawski-Gesellschaft.
Anfang der siebziger Jahre studierte Jacek Murkowski in Leipzig und arbeitete nach seinem Abschluß als Deutschlehrer in Posen. 1978 wurde er dann Chefdolmetscher im Stadtamt. Bis zur Wende. Dann war Schluss. „Die alten Zöpfe kamen ab“, merkt er mit einem nachdenklichen Lächeln an.
Acht Jahre lang war Andrzej Wituski Stadtpräsident. Als ich ihn ein wenig überreden muß, sich von mir in dem wunderschön eingerichteten Blauen Saal des Stadtamtes fotografieren zu lassen, weil er doch längst nicht mehr politisch aktiv ist, entgegnet er mit einem Lachen: „Ich weiß, wie schön der Saal ist. Ich habe ihn schließlich eingerichtet!“
Und dann erzählt Jacek Murkowski davon, wie alles anfing. „Vor dieser Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Posen gab es keine engen Kontakte zwischen Städten aus den zwei Blöcken. Heute ist das natürlich alles anders. Aber damals waren wir die ersten.“ Und wie konnte sich diese Idee trotz aller Hindernisse durchsetzen? „Die Ehrlichkeit der Menschen hat alle überzeugt.“ Man habe immer überlegen müssen, was machbar sei, erzählt er weiter. Ein wenig vermisse er diese Zeit der engen Zusammenarbeit. „Als die Welt noch geteilt war, haben wir mehr gemacht. Damals sprang der Funke über. Heute passiert leider nicht mehr viel.“ Woran liegt das? Und da zeigt sich der Diplomat in ihm. Er zuckt nur ein wenig mit den Schultern und lächelt.
Das Verhältnis der Deutschen und der Polen beschreibt Jacek Murkowski als eines, das von Neugier, aber auch Vorsicht geprägt war. „Die Deutschen waren viel offener. Wir waren eher ein wenig zurückhaltend.“ Das habe sich aber mit zunehmender Zeit gelegt. Man fasste Vertrauen.
Erst nach dem Kollaps des Ostblocks habe man in Polen erleben können, welche Entwicklung Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg durchgemacht hatte: „In Polen war der deutsche Demokratisierungsprozess vorher nie ein Thema gewesen.“
Was war für beide der aufregendste Moment? „Als ich in Hannover zusammen mit Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg auf dem Balkon des Rathauses stand und eine Rede halten sollte“, erinnert sich Andrzej Wituski. Und Jacek Murkowski fügt hinzu: „Hannover war gerade zur atomfreien Zone erklärt worden. Wir hatten Kränze zum Gedenken der Opfer des Krieges niedergelegt. Der Rathausplatz war schwarz vor Menschen. Ich stand neben Andrzej Wituski und war noch nervöser als er.“