Dirk Kirchberg Hannover Autor Konzepter Fotograf Journalist Online Redakteur Parajournalist Videojournalist Multimediajournalist
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Dirk Kirchberg
Der König von Tory
Eigentlich ist Patsaí Dan Mac Ruaidhrí gar nicht Bürgermeister von Tory Island, sondern König. Denn vor rund 1500 Jahren wurde die Königswürde von dem Heiligen St. Columbcille als Dank dafür gestiftet, dass er auf Tory ein Kloster gründen durfte. Neben St. Patrick ist St. Columbcille einer der bedeutendsten Heiligen der irischen katholischen Kirche. Anders als in anderen Monarchien wird die Königswürde auf Tory nicht durch die Blutlinie bestimmt, sondern durch eine Gemeindewahl. 1993 wurde Patsaí Dan König und kümmert sich seitdem um das Wohl der Insel und ihrer 170 Einwohner. Tory Island liegt 11 Kilometer vor der nordwestlichen Küste der Republik Irland im Atlantik und ist somit der nordwestlichste bewohnte Punkt Europas.
In den siebziger Jahren versuchte die irische Regierung, Tory zu evakuieren, so wie sie es mit Inseln ähnlicher Größenordnung bereits getan hatte. Das Parlament in Dublin war nicht länger bereit, die hohen Kosten für den Unterhalt der Insel weiter zu tragen. Doch durch einen glücklichen Zufall bildete sich auf der Insel unter Mithilfe des englischen Künstlers Derek Hill eine Malerszene. Vom Wetter gegerbte Fischer griffen plötzlich zu Pinsel und Farbe und bannten Inselszenen in naivem Stil auf die Leinwand. Der 57-jährige Patsaí Dan arbeitete 25 Jahre lang selbst als Fischer in den Gewässern vor Tory. Seit 1968 malt und verkauft er Bilder in der Dixon Gallery, die nach dem ersten Fischer benannt ist, der mit der Malerei begann, James Dixon.
Während immer mehr Torianer mit meist rostigen Autos die einzige Straße der Insel auf und ab fahren, eilt Patsaí Dan zu Fuß von seinem Haus zur Galerie, von dort in das einzige Hotel der Insel und runter zum Pier, wo er jeden Besucher, der mit einer der täglich verkehrenden Fähren auf die Insel kommt, per Handschlag begrüßt. Vorwiegend Tagestouristen kommen nach Tory, um lange Spaziergänge zu machen und zahlreiche Vogelarten zu beobachten. Die Landschaft ist rauh: mooriger Boden, Steine und Gras. Im Osten Torys türmen sich Klippen bis zu 180 Meter auf und bieten atlantischem Wind und Wasser die Stirn. Und so wenig wie die Klippen dem Atlantik weichen, so wenig weichen die Torianer von ihrer Insel, obwohl die Zahl der von Sozialhilfe lebenden Insulaner stetig wächst.
Doch vielleicht wird demnächst ein Sägewerk auf Tory gebaut. Ein Sägewerk auf einer Insel, auf der es nur einen einzigen Baum gibt. Und der steht direkt vor dem Pfarrhaus.